Referat von Josef Lang, Nationalrat und Historiker aus Zug, gehalten am 24.09.2010 vor etwa 100 VertreterInnen der Missionszentrale im Romero-Haus.

Aufrecht und prophetisch in der Politik, lautet die Aufgabe, die mir gestellt wurde. Ich will Sie doppelt überraschen. Was die beiden Eigenschaftwörter betrifft, gehe ich von einer neutestamentlichen Gestalt aus, deren aufrechte Charakter verharmlost und entpolitisiert wird: vom barmherzigen Samaritaner!  Weiter gehe ich von einem alttestamentlichen Text aus, dessen ökologische und soziale Radikalität unterschätzt wird: von der Genesis! Zweitens werde ich Ihnen nicht unser Parteiprogramm ausbreiten, um Ihnen anhand eines Forderungskatalogs zu zeigen, dass die unsere die beste der Parteien ist. Ich werde Ihnen an zwei konkreten Auseinandersetzungen zeigen, was die aktuelle politische Botschaft des Guten Samaritaners und der Genesis sind.
 
 
I Der aufrechte Samaritaner

 
Lukas 10, 29-37: Der Rechtsgelehrte sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Jesus gab ihm zur Antwort: Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter die Räuber. Die zogen ihn aus, schlugen ihn nieder, machten sich davon und liessen ihn halb tot liegen. Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab, sah ihn und ging vorüber. Auch ein Levit, der an den Ort kam, sah ihn und ging vorüber. Ein Samaritaner aber, der unterwegs war, kam vorbei, sah ihn und fühlte Mitleid. Und ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in ein Wirtshaus und sorgte für ihn. Am anderen Morgen zog er zwei Denare hervor und gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn! Und was du darüber aufwendest, werde ich Dir erstatten, wenn ich wieder vorbeikomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist dem, der unter die Räuber fiel, der nächste geworden? Der sagte: Derjenige, der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat. Da sagte Jesus zu ihm: Geh auch du und handle ebenso.“ (Zürcher Bibel, 2007)
 
Und wer ist mein Nächster?
 
Die Erzählung vom „barmherzigen Samaritaner“ gehört zu den bekanntesten Geschichten des Zweiten Testaments. Allerdings wird ihre Radikalität – etwa im Unterschied zur Bergpredigt – kaum wahr genommen. Ihre Wirkungsgeschichte ist nicht zuletzt deshalb ziemlich ambivalent. Positiv ist deren Wahrnehmung als Aufruf zur praktischen Solidarität und zur tätigen Nächstenliebe. Angesichts der zunehmenden Gleichgültigkeit im Alltag gegenüber dem, was Unbekannten auf der Strasse oder im Tram angetan wird, ist ein Appell zum persönlichen Handeln höchst wertvoll. Auch das ehrenamtliche Engagement bei den Samaritern hat unter Bedingungen, wo es ehrenrühriger ist, als „Gutmensch“ zu gelten, denn als Abzocker zu wirken, eine Bedeutung, die über das Karitative hinausgeht. Allein: Jesus verfolgte mit seinem Beispiel des „barmherzigen Samaritaners“ weiter reichende Ziele als die Schaffung von Samariterbünden und die Verbesserung des Gesundheitswesens.
 
Jesus‘ Kernbotschaft lässt sich aus dem Dialog mit dem Schriftgelehrten lesen. Der Hintergrund dessen Frage „Und wer ist mein Nächster?“ liegt im hergebrachten Verständnis, dass dies nur die Angehörigen des eigenen Volkes und Glaubens (einschliesslich derer Gäste) sind. Der gestellten Falle weicht Jesus aus, indem er zuerst eine Geschichte erzählt und dann den Schriftgelehrten selber die Frage beantworten lässt, „wer von diesen dreien“ dem Opfer „der Nächste geworden“ ist. Mit dem sanften Zwang einer starken Geschichte bringt er den Traditionalisten dazu, eine revolutionäre Antwort zu geben. Als „Nächster“ verhielt sich der, der nicht dazu gehört – im Gegensatz zu den beiden Volks- und Glaubensgenossen. Dies bedeutet, dass a) die Taten und nicht die Worte oder Gesetze oder Dogmata zählen, b) „der Nächste“ nicht durch Zugehörigkeiten oder Grenzen (fines) de-finiert wird und c) sich jeder als „Nächster“ erweisen kann und muss
 
In der Geschichte hat es ein überraschendes Momentum, das die jesuanische Schlüsselaussage verdeutlicht. Aufgrund der damals verbreiteten antiklerikalen Stimmungslage dürften die Zuhörerinnen und Zuhörer erwartet haben, dass Jesus nach den beiden Negativbeispielen Priester und Tempeldiener einen Laien aus dem gleichen Volk als positives Gegenbeispiel bringt. Indem er diese Rolle einem Nichtangehörigen, also einem, der offiziell als „Nächster“ gar nicht in Frage kommt, zuweist, wird deutlich, dass es ihm nicht um eine blosse Desavouierung des eigenen (und im Publikum vertretenen) Establishments gegangen ist.
 
Humanistischer und universalistischer Anspruch
 

Es ging Jesus um viel mehr: um die Schaffung einer neuen Moral mit humanistischem und universalistischem Potenzial. Hier liegt das Auffälligste, Unerhörteste, Bedeutendste der Jesuanischen Frohbotschaft: Alle tragen gemeinsam Verantwortung für alle. Der Grund zur Solidarität liegt nicht mehr in der Zugehörigkeit zum eigenen Volk oder zum eigenen Glauben. Dabei ist nicht entscheidend, was „alle“ damals bedeutete. Bei Paulus ist der Kreis bereits weiter gezogen. In seinem Brief an die Galater aus den 50er Jahren schreibt er: „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau.“ (Gal 3,28) Heute, wo die Welt zu einem Dorf und die Erde zu einem höchst verletzlichen Planeten geworden sind, ist klar: Wir sind herausgefordert, uns gegenüber allen Menschen und der ganzen Schöpfung als „Nächster“ zu erweisen.
 
Der Katholizismus trägt diesen universalistischen Anspruch in seinem Namen. Die zwei griechischen Wörter „kath holon“ bedeuten „das Ganze betreffend“, die „ganze Welt umfassend“. In seinem anregenden Büchlein „Was würde Jesus heute sagen?“ (rororo 2003) schreibt der ehemalige Jesuit und frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geissler: „Nichts ist der jesuanischen Botschaft fremder als Nationalismus, ethnische Arroganz und deutsche Leitkulturen.“ Auf die heutige Schweiz übertragen heisst das: „Nichts ist der jesuanischen Botschaft fremder als Nationalismus, ethnische Arroganz und steuerliches Abzockertum.“
 
Botschaft gegen  Bankgeheimnis
 
Wenige Länder auf dieser Welt profitieren so stark von der Ausbeutung der Dritten Welt wie die Schweiz. Ein Instrument dieser Ausbeutung ist das Bankgeheimnis, das gegenüber der Dritten Welt weiterhin aufrecht erhalten wird. Gemäss Schätzungen der Erklärung von Bern (EVB) verlieren Lateinamerika, Afrika und Asien jährlich zwischen 5,4 Milliarden und 22 Milliarden Franken durch Steuerflucht in die Schweiz. Wenn wir von der Mitte dieser Berechnung, also von 13,7 Milliarden Franken, ausgehen, kommen wir auf folgende gesundheitspolitische Fakten: Mit diesem Geld liessen sich in den Entwicklungsländern jährlich 50 Millionen Kinder impfen und präventivmedizinisch versorgen, 300‘000 Spitalangestellte ausbilden, ausrüsten und entlöhnen, 100‘000 neue Spitalplätze erstellen, für 3 Millionen HIV-Infiszierte Tests und 3-fach-Therapien finanzieren und für 175 Millionen Menschen sauberes Wasser bereitstellen. In anderen Worten: Das Bankgeheimnis hat massenmörderische Folgen.
 
Insbesondere jene Schweizerinnen und Schweizer, die sich auf Christus berufen, stehen angesichts des jesuanischen Anspruchs, dass alle für alle verantwortlich sind, vor den Fragen: Was hat den höheren Wert, die Gewinne und die Arbeitsplätze, welche unser Land der Steuerflucht verdankt, oder die zahllosen Menschenleben, die mit der Beendigung der Steuerflucht gerettet werden könnten? Bedeutet die Schlussaufforderung von Lukas 10,37: „Geh auch Du und handle ebenso“ nicht, die sofortige Aufhebung des Steuerhinterziehungsgeheimnisses zu verlangen?
 
Prinzip Verantwortung im Zugerland
 
In keinem Schweizer Kanton stellt sich der universalistisch-humanistische Anspruch der samaritanischen Botschaft derart konkret und umfassend wie in meinem Kanton. Es gibt wenige Wirtschaftsstandorte, die mit dem Globus derart eng verbunden sind, die von anderen Ländern derart stark profitieren wie der Kanton Zug. So gehört der Zuger Rohstoffhandelsplatz zu den wichtigsten auf diesem Planeten. Nirgendwo wird mehr Kaffee umgeset