In einem Leserbrief wurde die fehlgeschlagene Verteidigung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg mit der heutigen Situation der Schweizer Armee verglichen und gemahnt, die Schweiz könnte ein ähnliches Schicksal ereilen wie damals Frankreich, das «dem Nachbarn die Friedensbeteuerungen geglaubt» habe. Es ist unglaublich, was für absurde, geschichtlich verdrehte Vergleiche zur Rechtfertigung der Armee gezogen werden.
Eine ernsthafte Bedrohung für unser Land besteht ganz sicher nicht in einem Aufmarsch feindlicher Truppen. Der Schweizer Armee fehlt es heute nicht nur an Aufgaben, es fehlt ihr auch gänzlich an einer militärischen Bedrohungslage.
Heutige Bedrohungen für dieses Land sind eher in der Klimaerwärmung und den sich daraus ergebenden Naturkatastrophen, in der Atomenergie, in Terrornetzwerken oder im organisierten Verbrechen zu suchen. Ein überdimensioniertes Massenheer ist definitiv nicht die richtige Antwort darauf. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl haben wir die grösste Armee Europas: Auf 100 Einwohner kommen in der Schweiz 2,6 Soldaten. Das ist Europarekord – Frankreich und Österreich schaffen es auf etwa 0,5, Deutschland nicht einmal auf 0,4 Soldaten pro 100 Einwohner. Die meisten westeuropäischen Länder haben die Wehrpflicht denn auch bereits abgeschafft. Wir tun gut daran, auf Klimaschutz, Katastrophenhilfe und ziviles humanitäres Engagement zu setzen, anstatt auf der neusten Rüstungswelle mitzureiten.
Übrigens: Heute leisten nur noch rund 30 Prozent der männlichen Hälfte der Bevölkerung ihren Militärdienst bis zum Ende – die allgemeine Wehrpflicht ist also kalter Kaffee von vorvorgestern.

Wie man das Blatt auch dreht und wendet, Bedrohungen für die Schweiz existieren. Terrorismus, Klimawandel, Atomkraft und soziale Ungerechtigkeit beherbergen Gefahrenpotenzial – ein feindliches Heer, das über die Grenze will, ist aber schlicht inexistent. Oder überlegt sich der Fürst von Liechtenstein vielleicht doch noch, beim nächsten Morgengrauen anzugreifen?