Rede von Jo Lang zur Übergabe des Referendums gegen den 24-Stunden-Arbeits- und Konsum-Tag.

„Ein jegliches hat seine Zeit“
 
Mit diesem Vers beginnt einer der schönsten und aktuellsten Bibeltexte. (Prediger 3,1)
 
Der „Weise“, wie der Autor genannt wird, beschwört in seinem Text die Achtung vor dem Eigen-Sinn und vor der Eigen-Zeit der menschlichen Erfahrungs- und Handlungs-Bereiche. Zu den ältesten zivilisatorischen Errungenschaften gehört nicht zufällig die Scheidung von Werktag und Sabbat, von Tageswerk und Feierabend, von Arbeits- und Ruhetagen. 
 
Auch heute gilt noch: Das Familienleben „hat seine Zeit“. Das Vereinsleben oder die Geselligkeit oder das Ruhen haben ihre Zeit. Auch die Arbeit und der Konsum haben „ihre Zeit“. Aber nicht die ganze Zeit.
 
Hört man den Freisinnigen zu, bekommt man den Eindruck, ihre Vorfahren hätten den liberalen Bundesstaat zwecks Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten gegründet. Aber die Freiheit, die sie heute meinen, ist nicht die Freiheit mündiger, wacher, sozialer Individuen. Es ist die Freiheit des Kapitals, Tag und Nacht, von Montag bis Sonntag, Profit zu scheffeln.
 
Die Freiheit, die wir meinen, baut auf der Rücksichtnahme gegenüber den sozial Schwächsten, denen die Ausweitung der Ladenöffnungszeiten noch mehr Stress beschert. Und gegenüber der Natur, die durch die 24-Stunden-Betriebsamkeit noch mehr belastet wird.
 
Retten wir die im „Buch Prediger“ beschworene Vielfalt von Kultur-Zeit! Sagen und stimmen wir nein zur dumpfen Einfalt des Time ist Money!
 
 
Jo Lang, Vizepräsident Grüne Schweiz