Als hellhäutiger, heterosexueller, westlicher, in der reichen und demokratischen Schweiz geborener Mann mit, festem Wohnsitz und Zugang zu akademischer Bildung habe ich im globalen und im lokalen Vergleich in der Lebenslotterie einen Hauptgewinn gezogen. Dafür habe ich nichts geleistet. Dass all das auf mich zutrifft, ist einfach viel Glück. Auf keine der beschriebenen Eigenschaften bilde ich mir etwas ein. Ich bin, wenn ich mir meiner Privilegien bewusst werde, vor allem einmal sehr dankbar. Das andere Gefühl, dass sich in mir unmittelbar mit einstellt, ist das von Verantwortung. Denn als vielfältig privilegierter Mann habe ich vergleichsweise viele Möglichkeiten, die Rahmenbedingungen unseres Zusammenlebens mit zu gestalten. Das erlebe ich als riesige Herausforderung.

Ich glaube, dass wir alle miteinander verbunden sind. Und wir sind zutiefst verbunden mit der uns umgebenden Welt. Ja wir sind letztlich abhängig von dem uns am Leben erhaltenden, vielfältigen und komplexen Ökosystem unseres Planeten. Noch genauer: Wir selbst als einzelne und als Menschheit sind Teil, quasi Organ dieses grossen planetaren Organismus.

Wer in einer Gesellschaft (auch eine Art Organismus) gerechte Spielregeln aufstellen will, muss Rechte und Pflichten sowie Früchte und der Lasten der Zusammenarbeit gerecht verteilen. Das sagt zumindest John Rawls. Seine Gerechtigkeitstheorie schlägt vor, mir in Gedanken quasi vor dem Spiel die Augen verbinden zu lassen und so die Regeln zu machen. Ohne zu wissen, bin ich Mann* oder Frau*, arm oder reich, stark oder verletzlich. Ohne zu wissen, lebe ich heute oder in der Zukunft, im globalen Süden oder Norden. Auf diese Weise würden wir unsere Regeln so festlegen, dass sie uns vor dem schlimmsten denkbaren Fall schützten. So würde grösstmögliche Gerechtigkeit erreicht.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, nicht auf dem Hintergrund dieses Gedankenspiels zu Leben und Politik zu machen. Und an was orientieren Sie sich und Ihre «Gerechtigkeit»?

Roman Ambühl, Präsident KriFo Altnative Cham
Erschienen in der Zuger Woche vom 8.4.2020