Vor zwei Wochen erhielt ich ein Mail mit der Überschrift: „Aus Patagonien“, der Absender war mir völlig unbekannt. Im Mail hiess es: „…Meine Urgrossmutter stammt aus Menzingen, gebürtig bin ich aus Neuheim, und mein Vater war Ehrenbürger von Baar. Meine Frau und ich sind Doppelbürger Schweiz-Chile, und wir engagieren uns hier in der Bewegung „Patagonia sin represas – Patagonien ohne Staudämme“. In Chile ist Wasser Privatgut geworden und zu 100% vermarktbar. Grosse Wirtschaftsgruppen und Holdings haben ganze Flüsse beantragt und zugesprochen erhalten. Das Resultat: Die Bauern und Landbewohner erhalten kein Wasser mehr. Oder nur während vier oder acht Monaten im Jahr. Und Kleinbetriebe können von nun an kaum mehr entstehen und sich entwickeln, da sie kein Wasser zur Verfügung haben…“
 
Die Vorgeschichte zu diesen Mail: Mitte Oktober weilten vier südamerikanische Frauen und Männer in der Schweiz und suchten den Kontakt zu den multinationalen Konzernen Glencore und Xstrata in Zug. Ihr Anliegen war, die Geschäftsleitungen der Multis direkt aufmerksam zu machen auf die Leiden und Ungerechtigkeiten, denen ihre Völker ausgeliefert sind und die in direktem Zusammenhang stehen mit der Durchsetzung geschäftlicher Interessen der internationalen Firmen. Eine der Frauen ist eine Chilenin, die sich wehrt gegen die drohenden Umweltzerstörungen durch Megaprojekte von Xstrata. Diese mächtige, in Zug domizilierte Rohstoffhandelsfirma hat im Jahre 2006 die Wasserrechte von zwei chilenischen Flüssen erworben, des Rio Cuervo und des Rio Blanco. Xstrata plant – zusammen mit anderen Konzernen – den Bau mehrerer riesiger Staudämme zur Stromproduktion. Zusätzlich soll eine Starkstromleitung von 2000 km Länge erstellt werden, von Patagonien hinauf in den Norden des Landes, wo Xstrata eine Kupfermine besitzt. (Ein Vergleich: Oslo und Rom liegen auch knapp 2000 km voneinander entfernt.)
 
Umweltorganisationen beklagen, dass diese Projekte die Naturschutzgebiete Patagoniens unwiderruflich zerstören. Durch die Abholzung und den Bau der Überlandstromleitung werde die Gefahr enorm erhöht, dass weitere industrielle Firmen durch die geschlagene Schneise in die noch unberührten Naturreservate eindringen und Bodenschätze ausbeuten werden.
 
Mit einer Manifestation vor den Geschäftssitzen von Glencore und Xstrata machte eine stattliche Gruppe von Leuten zusammen mit den südamerikanischen Botschafterinnen auf diese Probleme aufmerksam, und an Vertreter der Multis wurden Bittbriefe und Dokumentationen überreicht. Als Kantonsrätin habe ich die ausländischen Gäste begleitet und versucht, Brücken zu schlagen und Begegnungen zu ermöglichen.
 
Im Mail aus Patagonien hiess es weiter: „… Ich habe einen Artikel in unserer bescheidenen Ortszeitung gelesen über die Übergabe der Bittschrift in Zug. Es hat mich besonders gefreut, dass sich Menschen in Europa gegen Umweltsünden engagieren, die im ‚unterentwickelten’ Südamerika geschehen, allerdings häufig ausgeführt durch Weltkonzerne mit Sitz in der ersten Welt….“
 
Die Globalisierung schreitet voran. Eine Auswirkung davon ist, dass Menschen in südlichen Ländern ihre Arbeitskraft und oft sogar ihr Leben hergeben müssen, um unseren Reichtum zu vermehren. Wir leben hier in Zug, im reichsten Kanton des reichsten Landes der Welt, und profitieren von ihnen. Doch die soziale Dimension der Globalisierung muss ebenfalls wachsen. Darum setzen wir uns hier in Zug auch für die Menschen auf der südlichen Halbkugel ein, damit ihre Hoffnung auf ein besseres Leben eines Tages auch Wirklichkeit wird.