Digitale Währungen bommen in Zug. Das alternative Politmagazin BULLETIN wirft einen Blick hinter die Kulissen.

Dieser Artikel erschien im BULLETIN 4/2017.
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Im Bann der Blockchain

«Jetzt kommt die Blockchain», titelte die WOZ im vergangenen Juli. In Zug ist die Blockchain längst angekommen. Dass die Stadtverwaltung Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptiert, ist längst bekannt. Dass der Boom der digitalen Währungen in Zug kreative Startups aber auch dubiose Blockchain-Firmen und Geldwäscherei-Skandale entstehen lassen hat, bekommt aber kaum jemand mit. Höchste Zeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Die konzeptionellen Grundlagen für Blockchains wurden in den 90er-Jahren erarbeitet und seit acht Jahren besteht mit Bitcoin eine Währung, die auf dieser Technologie basiert. Eine verständliche Erklärung, was eine Blockchain ist und wie sie genau funktioniert, würde locker eine Bulletin-Ausgabe füllen. Hier muss eine stark vereinfachte Erklärung ausreichen.

Was ist eine Blockchain?

Eine Blockchain ist eine Reihe von Datensätzen (bzw. Datenblöcken), bei der jeder Datensatz eine kryptografische (also verschlüsselte) Kurzzusammenfassung des vorhergehenden Datenblocks enthält. Ein neuer Datenblock garantiert somit, dass der vorhergehende Block nicht nachträglich manipuliert werden kann. Dank dem Internet ist es egal, wo die einzelnen Datenblöcke sich befinden. Sie können über die ganze Welt verteilt sein.

Währungen wie Bitcoin basieren auf solchen Datenblock-Ketten. Eine auf Blockchain basierte Währung benötigt keine Bank, um sie sicher zu horten. Auch für die damit getätigten Transaktionen sind keine Banken als Vermittler erforderlich. Dafür reicht die öffentliche, über die ganze Welt verteilte und manipulationssichere Blockchain-Datenbank, die alle jemals getätigten Transaktionen dokumentiert – und zwar anonymisiert. Deswegen ist zum Beispiel von Bitcoin die Rede. Blockchain-basierte Währungen sind das digitale Pendant zu Bargeld. Ein wesentlicher Unterschied: Damit sind anonyme Transaktionen nicht nur vor Ort, sondern weltweit möglich. Internationale Transaktionen sind trotz momentanen Auslastungsproblemen schnell und günstig getätigt.

 

Eine Revolution mit Schattenseiten

Sicheres Geld, das keine Banken oder Staaten braucht, unkompliziert und anonym transferiert werden kann und von einer Community betrieben wird – das klingt toll. Aber es wirft auch Fragen auf. Wie werden Geldwäscherei und Steuerhinterziehung verhindert? Können Vermögen, Transaktionen und Kapitalgewinne überhaupt besteuert werden? Greifbare Lösungen sind nicht in Sicht.

Die unglaubliche Kursentwicklung des Bitcoins erzählt gleichzeitig auch dessen Geschichte. Anfänglich war die virtuelle Währung kaum akzeptiert. Verwendung fand der Bitcoin hauptsächlich für illegale Zwecke, vor allem beim Handel mit Drogen, Waffen, Diebesgut und Kreditkartendaten. 2013 gelang es dem FBI, den grössten anonymen Online-Markplatz zu schliessen – der Wert des Bitcoins brach zusammen. Und als 2014 bei einem Hackerangriff auf die damals grösste Handelsbörse Mt. Gox über eine halbe Million Bitcoins (heutiger Wert: rund 4,5 Milliarden Franken) geklaut wurden, gab es eine erneute Talfahrt. Seitdem scheint aber alles rund zu laufen, und neue Geschäftsmodelle treiben dessen Kurs gegenüber den traditionellen Währungen in ungeahnten höhen – bis zum nächsten Skandal?

Davon träumen SpekulantInnen: Kursentwicklung der Kryptowährung «Ether». (Bild: coingecko.com)

 

Ein ökologisches Desaster?

Die Berechnung der Datenblöcke der Bitcoin-Blockchain erfolgt dezentral und die minimalen Transaktionsgebühren sind eine Art Belohnung für jene, die die Rechenleistung ihrer Computer zur Verfügung stellen. Global gesehen ist dafür eine enorme Rechenleistung notwendig. Das Onlinemagazin Vice berechnete bereits 2015, dass der Betrieb des Bitcoin-Netzwerkes gleichviel Energie verschlingt wie 173‘000 US-amerikanische Haushalte. Das Transaktionsvolumen hat sich seither mehr als verdoppelt. Heute verbraucht Bitcoin gemäss dem Blog «energisch.ch» Strom im Umfang von mindestens 1’000 MW, also der Leistung des AKW Gösgen. Eine einzige Bitcoin-Geldüberweisung braucht gemäss dem genannten Blog rund 33 kWh Strom. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Schweizer Haushalt verbraucht pro Tag nicht einmal die Hälfte.

 

Mehr als nur Geld

Dass Leistungen der Stadtzuger Einwohnerkontrolle mit Bitcoins bezahlt werden können, sorgte 2016 für Schlagzeilen, blieb aber eher ein Standortmarketing-Gag. Einen regelrechten Boom bei der Niederlassung von Blockchain-Unternehmen löste jedoch etwas ganz anderes aus. Das junge russische IT-Wunderkind Vitalik Buterin entwickelte 2015 mit weiteren Expats in einer Inwiler Luxusvilla die Blockchain Ethereum. Die neue Kryptowährung «Ether» wurde lanciert (Kursgewinn im Frühling 2017: +3000%), die Technologie dahinter kann jedoch viel mehr. Auf der neuen Blockchain können intelligente Verträge, Abonnemente, Wetten oder Finanzderivate abgebildet werden. Ein russisches Startup mit Niederlassung in Zug arbeitet derzeit an einem anonymen Facebook, das ausschliesslich auf dieser Technologie beruht. Und die Stadt Zug lancierte eine digitale ID auf Ethereum-Basis und kündigte eine E-Voting-Funktion an. Grund genug, genauer hinzuschauen.

 

Big Business im Steuerparadies

Zwar hat Buterin Zug längst verlassen, die «Stiftung Ethereum» mit Sitz in einem – gemäss Zentral+ offenbar verwaisten – Büro an der Zeughausgasse betreut jedoch offiziell die Weiterentwicklung der Technologie. Das per Rechtsform als gemeinnützig erklärte Konstrukt ist quasi Herr über eine virtuelle Währung, die heute eine Gesamtkapitalisierung von rund 45 Milliarden Franken aufweist. Da kann nicht einmal das Bruttoinlandprodukt des gesamten Kanton Zug mithalten: 2013 belief es sich auf gut 18 Milliarden Franken.

Im Juni 2016 entdeckte ein unbekannter Hacker eine ziemlich banale Schwachstelle in der Technologie und machte durch deren Ausnutzung 3,6 Millionen Ether unbrauchbar. Die Vielseitigkeit von Ethereum führte aber trotzdem zur Gründung vieler Start-ups, die neue Anwendungen entwickelten und Bitcoin erfuhr dank zunehmender Akzeptanz als legales Zahlungsmittel einen regelrechten Aufschwung.

Diesen Trend hat die Zuger Standortförderung früh erkannt. Hinter vorgehaltener Hand munkelt man, die Stadt Zug vergebe äusserst grosszügig Papiere an AusländerInnen, die in dieser neuen IT-Wunderwelt tätig sind. Das führte zu einem völlig neuen Wirtschaftszweig in der Welt der Briefkastenfirmen. Und während sich der Bund an zwei e-Voting-Pilotprojekten die Zähne ausbeisst, hat die Stadt Zug schon den nächsten Marketing-Gag parat: Stolz kommunizierte die Stadt im vergangenen Juli, dass die «Zuger Firma Consensys-uPort» ein e-Voting für die Stadt entwickelt.

 

Viele Wege führen an die Gubelstrasse

Und wo Zuger Blockchain-Pionierprojekte sind, ist Mathias Bucher nicht weit. Der Ex-Banker begann seine Finanzmarkt-Karriere bei Horizon21, dem Hedge-Funds-Unternehmen des umstrittenen „Finanzzauberers“ (Wirtschaftsmagazin Bilanz) Rainer-Marc Frey. Als das Unternehmen in Schieflage geriet, gründete Bucher die – mittlerweile liquidierte – Investmentfirma All Mountain Capital. Heute hat er sich als Dozent am Institut für Finanzdienstleistungen ein neues Standbein aufgebaut und betreibt nebenbei die Lancierung einer eigenen Blockchain, deren Währung quasi wie bei einem Goldstandard durch das Einlagern von Diamanten gedeckt sein soll. Als Berater mit unklarer Rolle taucht er immer wieder an Veranstaltungen und Medieninformationen auf und scheint eine Schlüsselrolle beim Zuger Blockchain-Boom einzunehmen – so auch beim E-Voting-Projekt. Das dabei unter anderem auf der Website der Stadt Zug erwähnte «Zuger» Unternehmen Consensys-uPort existiert nicht.

Der eigentliche Hauptsitz von Consensys: Eine Fabrikhalle in Brooklyn. (Google Maps)

Was guckst du? Eine Domainhalter-Abfrage zu ConsenSys.com führt nach Panama zur Inhaberverschleierungs-Agentur «WhoisGuard». (Bild: who.is)

Gemeint ist wohl die Firma ConsenSys AG, die unter der Marke «uPort» eine digitale ID auf Ethereum-Basis anbietet und einen Briefkasten an der Gubelstrasse 11 hat. Die dortige «Sielva Management AG» betreibt, vertritt oder beherbergt als Dienstleistung ein regelrechtes Sammelsurium an Niederlassungen, Blockchain-Firmen und -Stiftungen. Unternehmensgründungen in Zug bietet das Unternehmen auf seiner Website für ein Butterbrot an, inklusive Postweiterleitung an die eigentlichen Inhaber der Niederlassungen. Und so liegt auch der Sitz der ConsenSys gemäss deren Webseite nicht in Zug, sondern in einer Fabrikhalle in Brooklyn. Eine Halterabfrage für die Domain der Firma gibt als Inhaber die Firma «WhoisGuard Inc.» aus – ein Unternehmen mit Sitz in Panama, das sich auf die Verschleierung von Domaininhabern spezialisiert hat. Eine neutrale Medienanfrage zu einem Interview über das Zuger E-Voting beantwortete ConsenSys wie befürchtet: gar nicht.

Der Briefkasten der Sielva Management: Ein Sammelsurium an Niederlassungen.

Stattdessen spricht der Briefkasten der Sielva Management Bände. Dort domiziliert ist unter anderem die ShapeShift AG, die mit shapeshift.io eine anonyme Börse zum Handel von Kryptowährungen betreibt. Bernhard Neidhart, Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit (Volkswirtschaftsdirektion), teilte Anfang Jahr mit, dass von solchen Unternehmen keine Banklizenz gefordert werde. Und so kam, wie es kommen musste. In die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gelangte die genannte Firma im vergangenen Sommer, weil offenbar grosse Beträge aus Erpressungszahlungen über ihre Handelsbörse gewaschen wurden. Die Details zu diesem Schwarzgeld-Skandal enthüllte unter anderem Thomas Fox im Wirtschaftsmagazin „Forbes“.

 

Dicke Post

Während die Sanierung des Postplatzes verzögert wird, kehrt im alten Postgebäude neues Leben ein. Nicht wie vom Stadtpräsident erhofft wird eine öffentliche Nutzung Einzug halten. Die Post vermietet die Lokalität an ein Co-Working-Unternehmen. Es wird flexible, supertemporäre Büros zur Tagesmiete anbieten. Fokus: Firmen der Fintech- und Blockchain-Branche.

Im kommenden Jahr soll eine Konsultativabstimmung zum Stadtzuger E-Voting stattfinden. Nicht in der Abstimmungsbroschüre stehen wird, dass dieses von einem intransparenten Firmenkonstrukt auf Basis einer gefährlich unausgereiften Technologie erarbeitet wird.

 

Genaues Hinschauen tut not

Der Verfasser dieses Artikels ist ebenso wie der Zuger Stadtpräsident begeistert von den Möglichkeiten der Blockchain-Technologie. Aus purer Neugier und Sympathie hat er im vergangenen Jahr für ein paar Franken Ether erworben und konnte seine Sommerferien prompt aus den Kursgewinnen finanzieren. Wie viele andere in Zug hätte er also ein gewisses Interesse am Boom der Kryptowährungen. Wenn aber dubiose Machenschaften vor seiner Haustüre goutiert werden und für ein bisschen Standortmarketing leichtfertig mit der demokratischen Tradition jongliert wird, macht er nicht die Faust im Sack. Dieser Artikel behandelt noch nicht einmal die Spitze des Eisberges an merkwürdigen Blockchain-Geschäften, das BULLETIN wird deshalb in loser Abfolge Beiträge zu diesem Thema publizieren.

Der Trojaner WannaCry verschlüsselte Festplatten und forderte Lösegeld, welches auch in Zug gewaschen wurde.