Offener Brief der Jungen Grünen Schweiz an Roger Köppel

Zur neuesten Ausgabe Ihrer Sicht der Welt müssen wir uns eingestehen, dass Sie uns wieder einmal nicht überraschen. Sie sprechen von den Romas, die sich raubend durch die Schweiz schlagen. Auf dem Titelbild ein  Junge, der vorgestern vermutlich eben noch Windeln anhatte. Er hält eine Pistole und zielt auf die Betrachterin, den Betrachter. Seine Fingernägel waren mal bordeauxrot angemalt, aber der Lack ist schon Grossteils abgefallen. Die Jacke, die er trägt, hat ihm vor langer Zeit mal gepasst, jetzt glucksen seine dünnen Arme aus den Ärmeln.
 
Wo schauen seine Augen hin, was denkt dieser Junge?
 
Nüchtern betrachtet schildern Sie die Situationen der Roma in der Schweiz und in Europa. Sie berichten von der Kriminalität, die vor allem von perspektivlosen Jugendlichen begangen wird, von Bettlerbanden, die kleine Kinder in ihrer Gewalt haben, von Prostituierten, die ihren Zuhältern ausgeliefert sind, von gewieften Enkeltrickbetrügern. Sie schaffen es Ihren Artikel so auszugestalten, dass stets die Bedrohung über dem Kopf schwebt, es kämen sogleich die – den „Blitzkriegern aus dem Ausland gleiche“ – Romas und fallen „für ihre Raub- und Beutezüge über die Schweiz her.“ Ab und zu schildern Sie die Not dieser Menschen, doch keineswegs lässt Sie dies darauf zurückschliessen, dass etwas dagegen unternommen werden müsste, wohl eher plädieren Sie für eine schrittweise Verinselung der Schweiz. Sie wollen wieder Grenzkontrollen einführen, suggerieren, ohne diese sei  die Schweiz machtlos gegen die „Roma-Raubzüge“.  Die Politik habe versagt. Sie schauen nach Frankreich, sehen Sarkozy, der mit dem Austritt aus dem Schengen-Abkommen droht. Wir schauen nach Frankreich und sehen einen Typen, der letztes Jahr 11`000 Romas einfach so hat nach Rumänien ausschaffen lassen.
 
Sie führen auf ganzen vier Seiten vor, dass Sie sich auf gutem europäischem Mittelfeld bewegen, sogar leicht in Führung gehen, wenn es darum geht, rechtspopulistisches Gedankengut salonfähig zu präsentieren. Sie degradieren eine ganze Ethnie von ca. 8-12 Millionen Menschen zu schwerst Kriminellen, sie bezeichnen sie als „Familienbetriebe des Verbrechens“.
 
Wir, die Jungen Grünen Schweiz, verurteilen das wiederholte verbale einprügeln auf Minderheiten. Das Titelbild ist völlig daneben. Es soll doch nichts anderes suggerieren, als dass alle Romas kriminell und asozial sind. Das ist verletzend und erniedrigend. Diese Menschen führen ein Leben in bitterster Armut. Wenn Sie nichts anderes als zynische Worte für dieses Elend finden, dann können Sie sich diese sparen. Seien Sie so gut und hören sie endlich auf mit ihrer fremdenfeindlichen Polemik. Das hat nichts mehr mit bürgerlichen Ansichten zu tun, das ist gefährlich weit am rechten Rand des Politspektrums.