Der Entscheid des Stadtrates, den Aushang des Freidenker-Plakats zu verbieten, erinnert an zwei andere Entscheide, die unsere Stadt landesweit als intoleranter und zurückgebliebener erscheinen liessen, als sie ist. Vor fünf Jahrzehnten beschlossen die zuständigen Behörden, die modernen Fresken Ferdinand Gehrs in der Oberwiler Bruder-Klausen-Kirche hinter einem Vorhang zu verbergen. Knapp zwei Jahrzehnte später verabschiedete der Zuger Stadtrat Lehrerwahlrichtlinien, die unter anderem ein Konkubinatsverbot für Lehrerinnen und Lehrer beinhalteten. Alle drei Entscheide sind auf die übertriebene Rücksichtnahme vor den konservativsten Kreisen zurück zu führen. Allerdings war bei keinem der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Moderne und behördlicher Anti-Moderne so gross wie beim jüngsten. Der Stadtrats-Entscheid gegen die Freidenker hinkt der politischen Geschichte ziemlich genau 220 Jahre hinter her. 1789 setzte die Französische Revolution den Grundsatz durch, dass Religion und Staat zu trennen seien. Der Stadtrats-Entscheid hinkt weiter der Kirchengeschichte, auch der katholischen, hinter her. 1965 rang sich das Zweite Vatikanum zur Anerkennung der Gewissens- und Religionsfreiheit durch. Der Zuger Plakat-Entscheid ist deshalb nicht nur antilberal, sondern auch vorkonziliär.
 
Die Trennung vcn Kirche und Staat sowie die religiöse Neutralität des Staates gehören zu den liberalen Fundamenten jeden modernen Rechtsstaates. Sie bedeuten allerdings nicht die Verbannung religiöser Werte aus dem politischen Leben. Diese haben bloss den offiziellen Vorrang verloren, den sie in der Vormoderne hatten. In der Moderne stehen sie gleich berechtigt neben anderen Überzeugungen. Der Zufall will es, dass Ende November eine Volksinitiative zu Abstimmung gelangt, welche den christlichen Grundsätzen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung vital verpflichtet ist. Das Verbot des Geschäfts mit dem Tod bedeutet die Verwirklichung der urchristlichen Hochschätzung jeden menschlichen Lebens. Aus diesem Grund unterstützt Justitia et Pax, die Stabskommission der Bischofskonferenz für sozialethische Fragen, die Volksinitiative für ein Verbot von Kriegsmaterialexporten. Da die Stadtzuger Bauchefin Andrea Sidler die Bibel, insbesondere das Evangelium, hochschätzt, wie wir diese Tage erfahren durften, freuen wir uns heute schon auf ihre Unterstützung in unserem Engagement für die christlichen Grundwerte. Bekanntlich zeigt sich das Christliche, wie uns das Gleichnis des Barmherzigen Samariters vorführt, nicht in der Rechtgläubigkeit oder in Äusserlichkeiten, sondern im richtigen menschlichen Handeln.
 
Bei den Ferdinand-Gehr-Fresken brauchte es sieben Jahre, bis der Vorhang fiel und die moderne Kunst zu ihrem Recht kam. Das intolerante Konkubinatsverbot für Lehrpersonen fegte ein Sturm der Entrüstung innert Monaten weg. Vielleicht besinnt sich der Stadtrat noch schneller auf seine eigenen Ansprüche der Modernität und Liberalität.
 
Josef Lang, Zug