Votum KR, 26. November 09 / Rupan Sivaganesan AGF
Zur Interpellation 1815.2 „Suizidprävention für homo- und bisexuelle Jugendliche in Zug“

Sehr geehrter Herr Kantonsratspräsident, Liebe Kolleginnen und Kollegen
Jedes Jahr gibt es geschätzt über 25‘000 Suizidversuche in der Schweiz. Davon enden 1500 auch effektiv tödlich. Im Kanton Zug waren es 1991 bis 2007 über 300, wie der Regierungsrat auf Seite 2 ausführt.
Die Schweiz nimmt damit international einen traurigen Spitzenplatz ein. Im Kanton Zug liegen wir leider mit weiblichen Suiziden landesweit an der traurigen Spitze.
Zahlen hin oder her. Dahinter stehen ja immer auch Schicksale. Und besonders tragisch sind Suizide bei Jugendlichen. Unter Jugendlichen sind wiederum sexuelle Minderheiten besonders gefährdet. Hochrisikogruppen für Selbstmorde sind bi- oder homosexuelle Jugendliche.
Einmal googlen oder ein Besuch auf verschiedenen Websites von Pink Cross oder LOS (Lesbenorganisation) etc. genügt, um die wichtigsten internationalen Zahlen und Studien zu finden: Geht es um Selbstmordgedanken oder – absichten, Suizidversuche oder tatsächliche Selbsttötungen sind bi- und homosexuelle Jugendliche rund 6 Mal häufiger betroffen als Gleichaltrige. Das ist auch kein Wunder: Die Hälfte von ihnen leidet unter Ausgrenzungen und Diskriminierungen. Jeden Tag. Die regierungsrätliche Antwort geht aber nicht spezifisch darauf ein.
Doch Suizidprävention liegt in kantonaler Kompetenz. Dem Regierungsrat ist es in seiner Antwort leider nicht gelungen, konkret auf meine Fragen eingehen: Werden bi- und homosexuelle Jugendliche in der kantonalen Suizidprävention spezifisch berücksichtigt? Nein, werden sie nicht!
Der Regierungsrat begnügt sich damit, dass es in den Analysen und Konzepten überhaupt keine Angaben zur sexuellen Orientierung gibt. Er belässt es bei allgemeinen Ausführungen über Suizid, geht aber vollständig an unserer Hochrisikogruppe vorbei.
Wie unser Gesundheitsdirektor im Zuge des allgemeinen Suizidpräventionsprogramms festgestellt hat:  (Zitat) Hierbei geht es nicht um Finanzen, sondern ausschliesslich um den politischen Willen.
Ist dies denn nicht so, wenn es um den Risikofaktor der Homophobie geht?
Rund 10% der Bevölkerung ist nicht heterosexuell. Statistisch gibt es bi- und homosexuelle Jugendliche also in jeder Klasse, ob wir wollen oder nicht. Und direkt in den Schulklassen und Schulhöfen kann Diskriminierung geschehen. Das erhöht das Risiko zu Suiziden. Denn nicht die sexuelle Orientierung der Minderheiten erhöht das Selbstmordrisiko, sondern Vorurteile, Diskriminierung, Ausgrenzungen, Mobbing – und später Depression, Sucht und ähnliches!
Wir dürfen sexuelle Minderheiten nicht an sich als problematisch darstellen, wir wollen mittel- und langfristig auch gar kein Drama aus ihren sexuellen Orientierungen machen.
Was wir brauchen, ist ganz grundlegend ein offenes, flexibles und progressives Verständnis über die Entwicklung und Veränderung sexueller Orientierung und Identität. Das betrifft alle Schülerinnen und Schüler im Kanton Zug und muss daher ganz selbstverständlich und integrativ in die Schullehrpläne einbezogen werden. Damit alle den Umgang mit Tabuthemen und Minderheiten verstehen und Vielfalt schätzen. Damit alle sich auf eine gute und progressive Art mit (ihren) Rollen auseinandersetzen können.
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Das allgemeine neue Konzept  << Früherkennung und Suizidprävention bis 2015>> hat der Regierungsrat jüngst vorgestellt. Das ist gute und wichtige Arbeit. Die Effektivität kann nun ganz bestimmt noch erhöht werden, wenn die spezifischen Hochrisikogruppen in den allgemeinen verstärkt berücksichtigt werden. Damit es wegen sexuellen Neigungen nicht zu noch mehr Diskriminierung und letztlich im schlimmsten Fall zu Selbstmorden kommt. Den Ausführungen des Regierungsrates entnehme ich, dass er die Problematik erkannt hat.
Ich hoffe, dass es aber in Zukunft Ansatz zu einer seriöseren Analyse des Themas und auch zu irgendwelchen effektiven und griffigen Lösungsmöglichkeiten und –perspektiven kommt.
Rupan Sivaganesan
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