Artikel von Jo Lang in der Weltwoche vom 05.12.12

Wer einen Artikel über Zug mit dem Titel „Systematische Plünderung“ liest, denkt zuerst an Namen wie Glencore, Xstrata, Vekselberg, an Länder wie Kongo, Sambia, Kolumbien, an Dinge wie Kupfer, Zink, Kohle. Darauf kommt ihm das Abzocken fremder Steuersubstrate über Briefkastenfirmen, gemischte Gesellschaften, Holdings in den Sinn. Wenn er dann beim Überfliegen des Textes liest, dass „systematische Plünderung“ in einer Strafanzeige angeprangert wird und dass die Zuger Staatsanwaltschaft deswegen aktiv ermittelt, dann wird er stutzig. Afrikanische oder lateinamerikanische Minen systematisch auszuplündern, Gewinne an anderen Fiskussen vorbei zu schmuggeln, ist doch nichts Verbotenes.
 
Was der zurückgetretene Stadtrat  Ivo Romer gemäss der umfassenden Recherche der „Weltwoche“ getan haben soll, fügt sich nahtlos ein in die Geschäftspraktiken der Rohstoffmultis und in das Geschäftsmodell der Steuerprivilegien.  Die jüngsten Berichte von „Fastenopfer“ und von „Brot für alle“ über die Ausbeutung menschlicher, natürlicher und fiskalischer Ressourcen im südlichen Afrika hätten ebenfalls mit  „systematische Ausplünderung“ übertitelt werden können. Ivo Romer könnte seine Mitbürgerinnen und Mitbürger tatsächlich fragen: „Wenn die Multis Minenarbeiter ausbeuten, der Fiskus fremde Gemeinwesen abzockt und gute Bekannte vom Umzug Vekselbergs profitieren, warum soll ich nicht meine Goldmine ausplündern dürfen?“ Er stellt diese Frage nicht, weil ihm spätestens jetzt klar geworden sein muss, dass es einen grossen Unterschied ausmacht, wo sich der fragliche Tatort befindet. Das Recht hat immer noch seine Grenzen.
 
Vielleicht aber stellt sich der FDP-Stadtrat nach seinem Rücktritt eine andere Frage: Wie konnte ich derartige Risiken eingehen? Romer musste geahnt haben, dass das politische Amt das private Geschäft noch gefährlicher machte. In der Welt der Anwälte, Treuhänder, Wirtschaftsprüfer, in der sich Romer bewegt, herrscht seit Jahrzehnten Goldgräberstimmung.  Nur an wenigen Standorten in Europa können Vermittler und Berater mit gezieltem Einsatz und genügend Cleverness so leicht Geld verdienen. Wer als Anwalt oder als Treuhänder nicht Millionär wird, ist entweder ein Linker oder er gilt als Depp. Und wer sich verspekuliert hat, dem ist jedes Mittel  recht, wieder hoch zu kommen und dabei zu bleiben – sei es als Sponsor bei den „Wild Girls on Snow“ oder als „Prinz“ bei der Zunft der „Letzibuzäli“.
 
Die informelle Zunft der Wirtschaftsanwälte und Treuhänder hat heute im Kanton Zug eine ähnliche Machtposition inne, wie sie früher der Klerus gespielt hat. Gab es im 19. Jahrhundert keinen anderen Kanton mit einem derart hohen Anteil von Geistlichen, Mönchen und Klosterschwestern hat heute höchstens der Kanton Genf im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr  Anwälte, Treuhänder und Steuerberater. So beschäftigen allein die Treuhandbüros 650 Personen. In der Kantonsrats-Kommission, welche im Jahre 2000 die Totalrevision des Steuergesetzes vorberaten hat, stellte der „neue Klerus“ (Al Pacino im Film „The Devil’s Advocate“) die Mehrheit. Wie beim alten ist es auch beim neuen Klerus der Normalfall, dass man den Behörden nicht angehört, sondern Druck auf sie ausübt. So haben Anwälte bei Gesuchen um Pauschalbesteuerung, beispielsweise dem höchst fragwürdigen von Viktor Vekselberg, direkten Kontakt mit den zuständigen Regierungsräten und den betroffenen Ämtern. Gleichzeitig verteidigt die Zunft verbissen das Recht, öffentliche Amtsausübung und private Geschäftstätigkeit zu verbinden. Selbst nach dem Fall Romer lehnt sie das Vollamt für Stadträte ab.
 
Ähnlich wie der alte Zuger Klerus einer der konfliktfreudigsten gewesen ist, ist der neue Zuger Klerus einer der risikofreudigsten. So wurde Ricardo Teixeira, der wohl korrupteste Fifa-Boss, durch die Schweiger Advokatur westlich des Bahnhofs vertreten. Östlich des Bahnhofs geschäftet die zur Gazprom gehörende Nordstream unter der Leitung eines ehemaligen Stasi-Offiziers. Deren einzige Verwaltungsrat Urs Hausheer war bereits in den 80er Jahren, damals noch als CVP-Gemeinderat, im Dienste der Stasibeschaffungslinie 4 gestanden. Auch er hat dann, wie andere vor und nach ihm, unter öffentlichem Druck auf das politische Amt verzichtet.
 
Franz Carl Stadlin, der geistige Vater des Zuger Liberalismus, schrieb in den 1820er Jahren, der „Geldreichtum“ aus dem Söldnerwesen habe „unseren Kanton dem Verderben“ zugeführt: „Der öffentliche Geist war an der Feilheit verdorben.“ Zug befindet sich nicht erst seit letzter Woche an einem ähnlichen Punkt. Der Fall Romer, der sich auf dem Platze Zug selber abspielt, kann vielleicht die Einsicht befördern, dass das geltende Geschäftsmodell ebenso wenig Zukunft hat, wie es der Söldnerhandel vor zwei Jahrhunderten hatte. Voraussetzung für diesen Lernschritt ist, dass der Fall Romer nicht als isolierter Einzelfall eines Verirrten, sondern als symptomatisches Beispiel für „systematisches Ausplündern“ verstanden wird.