Die Alternative Grüne Fraktion stimmt dem Bericht und dem Antrag der Regierung zu. Die Wiedereinführung von Noten in der 2. Primarklasse wäre ein Rückschritt in die pädagogische Steinzeit. Es ist nicht einzusehen, weshalb das bewährte System von "Beurteilen und Fördern" mit einer differenzierten Gesamtsicht durch ein pseudoobjektives Notenzeugnis ergänzt werden soll. Noten garantieren keine Vergleichbarkeit. Das hat nicht nur Wissenschaft herausgefunden; das weiss längst auch die Wirtschaft. Diese stellt bei der Vergabe von Lehrstellen schon lange nicht mehr auf die Ziffern im Zeugnis der Bewerberinnen und Bewerber ab, sondern sie hat ihre eigenen Auswahlkriterien. Im Kanton Zug wir zu diesem Zweck übrigens neu der Stellwerk-Check eingesetzt.
 
In der 2.  Primarklasse steht bekanntlich die Selektion nicht im Vordergrund. Die Kinder sollen primär zum Lernen motiviert werden. Mit einem Notenzeugnis erreicht man aber vor allem bei den "schlechten" Schülerinnen und Schülern wohl eher das Gegenteil. Werden Kinder bereits in den ersten Schuljahren überfordert, führt das zu zusätzlichen Abklärungen. Schulpsychologen und schulische Heilpädagogen müssen beigezogen werden. Nicht zuletzt leiden die Kinder und die Eltern darunter und die Schullaufbahn gerät schon relativ früh ins Stocken. Dazu gibt es genügend Beispiele vom Werdegang von so genannt „schlechten“ Schülerinnen und Schülern. Mit der Einführung von Noten auf der 2. Primarklasse würde sich die Wettbewerbssituation unter den Schülerinnen uns Schülern verstärken. Für die guten SchülerInnen ist eine solche Konkurrenzsituation vielleicht förderlich, hingegen profitieren von den Schwachen nur die privaten Lernstudios und Nachhilfeinstitutionen, die in den letzten Jahren eh schon wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Es steht zu befürchen, dass mit die Einführung von Noten in der 2. Klasse der Druck auf die Kinder noch stärker. Vielleicht werden in absehbarer Zeit dann auch im Kindergarten Noten gefordert. Obwohl die gleichen Kreise, die jetzt für Noten einstehen, Angst davor haben, dass Kindergärtler allzu früh mit schulischen Anforderungen konfrontiert werden.
 
Die Forderung nach Noten auf der Unterstufe ist wohl populär, aber letztendlich ist sie nichts anderes als uralter Wein in noch älteren Schläuchen.
 
Noten sind beileibe nicht das, was die FDP Schweiz in einem Positionspaper aus dem Jahre 2006 festhält (Zitat): „Ein für Kinder, Eltern und Lehrpersonen klares und einfaches nachvollziehbares Evaluationssystem, das Missverständnisse, bspw. bei Stufenübertritten verhindere. Es lehre die Kinder bereits früh, mit Leistungsdruck umzugehen.“ Das Gegenteil ist wahr: Noten sind weder gerecht, sie sind nicht zuverlässig und sie sind auch nicht zur Förderung der Kinder geeignet. Die Vergleichbarkeit von Beurteilungen ist reine Augenwischerei. Das weiss jeder Lehrmeister, der ein Abgangszeugnis von der Oberstufe interpretieren muss. Sogar bei Schülerinnen aus dem gleichen Schulhaus sind die Unterschiede beim effektiven Leistungsstand rieieg, obwohl sie die gleichen Noten ausweisen.
Noten sind zwar praktisch, aber auch völlig unprofessionell.
Seit Jahrzehnten wird die messtechnische Leistungsfähigkeit von Ziffernnoten wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse fallen durchwegs miserabel aus, was die Grundansprüche an die Beurteilung anbelangt. Die Grundaussagen der Wissenschaft sind klar: Noten  haben eine schlechte Validität, d. h. was gemessen wird entspricht nicht unbedingt dem, was man messen will, sie sind nicht objektiv, sie lassen sich schlecht vergleichen und auch bezüglich Reliabilität (Wiederholungszuverlässigkeit) schneiden die Noten schlecht ab.
 
Es gäbe heute andere Alternativen. Sie seien nur stichwortartig erwähnt: Kompetenzmodelle und Portfolios, Einführung von landesweit einheitlichen Standards und Eichungsangebote in den einzelnen Fächern, damit ein Kind  weiss, welche fachlichen Ziele erreicht und welches die nächsten Ziele sind. Regelmässige Standortgespräche und offensives Reagieren auf Defizite, z. B. mit Förderprogrammen, wären weitere Massnahmen, die vor allem die schwächern Schülerinnen und Schülern unterstüzten. 
 
Im Übrigen zeigen die PISA-Spitzenreiter, wie Schweden- oder im deutschsprachigen Raum  – Südtirol, dass es auch anders geht. Sie kommen in der Volksschule ohne vergleichende Noten aus, in Schweden beginnen Ziffernnoten sogar erst ab dem 8. Schuljahr und trotzdem belegen die Länder aus Skandinavien regelmässig Spitzenplätze im europäischen PISA-Ranking.
Durch die Einführung von Noten bereits in 2. Primarklasse besteht auch die Gefahr, dass nur noch das gelehrt wird, was klar messbar ist. Die Schule wird beschränkt auf das reine Lernen von Kulturtechniken, auf das Lesen, Schreiben und Rechnen. Das Prinzip von Kopf, Herz und Hand bleibt dabei auf der Strecke. Und heute gehört die Unterstützung der Sozialisation und das Erlernen von verschiedensten Kompetenzen (sie sind im Bericht der Regierung erwähnt) – ob man das nun wahrhaben will oder nicht – unabdingbar zum Bildungsauftrag der Primarschule. Dazu gehört auch ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Lehrpersonen und Kindern. 
Mit der Einführung von Noten in der 2. Primarklasse lösen wir überhaupt kein einziges Problem unserer Volksschule. Dabei gäbe es durchaus Handlungsbedarf an unserer Volksschule. Aber sobald sich die Politik ins pädagogische Tagesgeschäft einmischt, entstehen nicht unbedingt qualitativ hoch stehende Lösungen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Alternativen sind einstimmig und klar gegen die Einführung von Noten auf der 2. Primarstufe. Auch leistungsschwache Schülerinnen und Schüler sollen in unserer Volksschule Perspektiven entwickeln können. Wir hoffen, dass sich der Rat der Argumentation der Regierung anschliessen kann.