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Die 68er Bewegung und ihre Folgen im Zugerland

Kein anderer Kanton wurde durch 68 politisch so stark geprägt wie Zug.

von Jo Lang

1968 ist eine Chiffre für Ereignisse, deren Höhepunkt in Deutschland 1967 und in Italien 1969 war. 1968 wurde zum Symbol, weil dieses Jahr das globalste war: Tête-Offensive in Vietnam, französischer Mai 68, Prager Frühling, Studentenaufstand in Mexiko, Proteste schwarzer US-Athleten an den Olympischen Spielen. In der Schweiz stand 1968 im Zeichen der Vietnam-Bewegung, 1969 wurde die Frauenbefreiungsbewegung (FBB) gegründet. In Zug fand 1968 zwischen 1969 und 1973 statt.

Wie überall in der Schweiz entstand auch im Kanton Zug eine Neue Linke (siehe Kasten!). Schon sehr früh gab es drei Unterschiede, die sich später auswirken sollten: Erstens trat in Zug nur eine Minderheit der SP bei. Dabei spielte auch eine Rolle, dass die Zuger SP 1971 die fremdenfeindliche Schwarzenbach-Initiative unterstützt hatte. Zweitens splitterte sich die Neue Linke nicht in verschiedene Parteien auf, sondern sammelte sich in und um eine einzige: die antistalinistische Revolutionäre Marxistische Liga. Diese sollte 1980 ihren etwas arg ideologischen Namen in Sozialistische Arbeiterpartei ändern. Drittens hatte die Neue Zuger Linke durch die Fusion von Mittelschülern aus der Arbeitsgruppe Dritte Welt und Lehrlingen und Angestellten aus dem Maiblitz von Anfang an einen guten Mix von geistigen Höhenflügen und praktischer Bodenhaftung. So hatte neben der Dritten Welt und den Jugendbewegungen die Gewerkschaftsarbeit einen hohen Stellenwert.

Die Fiche von Jo Lang (Bild: Staatsarchiv Zug)

Initiative gegen den Zuger Filz

Entscheidend aber wurde ein vierter Faktor, der sich ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre entfaltete: die systematische Verknüpfung der Steueroase mit ihren sozialen und ökologischen Kosten, ihren Skandalen, ihrer Verwaltungsratslobby und ihrem Rohstoffhandelsplatz mit unseren ideellen Grundsätzen und der internationalistischen Orientierung. Das erste grosse Beispiel wurde die im August 1977 eingereichte Volksinitiative „Gegen den politischen Einfluss von Verwaltungsräten“. Sie verlangte, dass Regierungsräte nicht in privaten Verwaltungsräten sitzen dürfen. Die Forderung, die im Bundesrat und in den meisten Kantonsregierungen selbstverständlich war, schien äusserst gemässigt zu sein. Aber angesichts der Verfilzung zwischen Konzern- und Behördenvertretern war sie im Zugerland höchst brisant. Das zeigte sich auch im Kantonsrat, wo ein einziger Sozialdemokrat den Mut hatte, ihr zuzustimmen. Während sie im Parlament mit 57 zu 1 Stimmen abgelehnt wurde, schaffte sie in der Volksabstimmung 38 Prozent.

Zuger Linke begleiten den Aargauer Militärverweigerer André Froidevaux am 24. Februar 1974 ins Gefängnis. Der Antimilitarismus und Pazifismus war ebenfalls ein wichtiges Engagement. Am 26. November 1989 erreichte die GSoA-Initiative (35,6%) im Kanton Zug mit 34,5 Prozent das beste Deutschschweizer Resultat hinter Zürich, den beiden Basel und St. Gallen. (Bild: Staatsarchiv Zug)

Der Abstimmungskampf erlaubte uns, eine ganze Reihe von Fragen zu thematisieren: Die Verwicklung eines Regierungsrates in einen Grossbankenskandal, die Nähe der bürgerlichen Parteien zu dubiosen Firmen, der Lohnabbau bei den Werktätigen, das Abzocken fremder Gemeinwesen über das Steuerdumping, die Ausbeutung der 3. Welt. Nachdem wir in den 70er Jahren vor allem bbbdie politisch-ethischen Folgen der Verfilzung sichtbar machten, gelang es uns in den 80er Jahren auch die sozialen und ökologischen Nachteile aufzuzeigen: Je tiefer die Steuern, desto höher die Mieten und die Bürogebäude. Im Mittelpunkt blieb aber die Kritik an der Ausbeutung der Ärmsten der Welt. Hier wurde Marc Rich, auf den wir bereits in den späten 1970er Jahren ein kritisches Auge geworfen hatten, zuerst zum zugerischen, dann zum globalen Symbol.

Das Kantonale und Globale verbinden

Vier typische Eigenschaften der 68er Bewegung halfen uns dabei: Erstens die geistige Unabhängigkeit vom Establishment, zweitens der Blick über die Landesgrenzen hinaus, drittens der Sinn für Brisantes und den richtigen Moment deren Thematisierung und viertens die systematische Beschaffung von Informationen. Dazu kam 1982 und 1986 die Präsenz im Stadt- und Kantonsparlament. Über all diese Auseinandersetzungen, die verbunden waren mit sozialen und ökologischen Volksinitiativen und Kampagnen wie die gegen die patriotische CH91 und für die Armeeabschaffung, schrieb die damals liberale Weltwoche: „Aus der Debatte“, die „seit bald 20 Jahren“ geführt wird, „ist fast ein ritualisierter Kleinkrieg geworden“. (15. 10.1992)

Wie man diese Konflikte auch nennen mag, sie erklären den Umstand, dass schweizweit keine Partei links der SP in den letzten 60 Jahren bei Nationalratswahlen an die Wähleranteile heran gekommen ist, die die Alternativen 2007 und 2011 erreicht haben. Mögen sie der wichtigsten Erbschaft von 1968 treu bleiben: Verbindung des Kantonalen mit dem Globalen, des Pragmatischen mit dem Prinzipiellen.

Die frühen 70er Jahre

Im Kanton Zug gab es zwei Gruppen, die ab 1969 erste Aktivitäten entfalteten. Eine um Meinrad Dossenbach engagierte sich unter anderem für die Waffenexportverbots-Initiative, die 1972 sagenhafte 49,7 Prozent erreichte. In Baar entfaltete die (reformierte) Junge Kirche erste Aktivitäten. Eine besondere Rolle spielte Hanspeter Roth (Haro), Mitbegründer der Basisgruppe Lehrlinge Zug (BLZ), und Ueli Sohm, Mitinitiant der Arbeitsgruppe Dritte Welt (ADW). Die BLZ, die sich 1972 in Maiblitz umbenannte, gab die das „Maiglöggli“ heraus. Dessen polizeiliche Beschlagnahmung wegen eines harmlosen Aufklärungs-Artikels Ende 1971 machte die „Zeitschrift der fortschrittlichen Jugend“ schweizweit bekannt. Während die Zuger Medien sich hinter die Polizei stellten, wurde diese von den ausserkantonalen Zeitungen kritisiert. Beim Prozess, der ein Jahr später stattfand, wurden Haro und Bruno Bollinger freigesprochen.

Zur gleichen Zeit machte auch die Arbeitsgruppe Dritte Welt Furore mit einem Weihnachtshungern aus Solidarität mit den Ärmsten der Welt und aus Protest gegen den Konsumrummel. Die Aktion, die 1971 und 1972 im reformierten Kirchgemeindehaus stattfand, war begleitet mit Diskussionen über Revolution und Marxismus. Ende 1972 nahmen ADW-Mitglieder mit dem Maiblitz Kontakt auf und gründeten am 1. Mai 1973 die Revolutionäre Marxistische Liga. Die RML führte eine 1.Mai-Demonstration durch, was es in Zug seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hatte. Kurz darauf provozierten reaktionäre Eltern gegen meine eher harmlose Maturarede einen Eclat. Der ein halbes Jahr später in den Bundesrat gewählte Erziehungsdirektor Hans Hürlimann musste mein Rederecht gegenüber den unflätigen Spiessern autoritär durchsetzen.

Zwischenzeitlich war Meinrad Dossenbach mit einigen Neulinken der SP beigetreten. Die ADW-Mitglieder um Wädi Wyss führten 1974 gemeinsam mit der ADW Bern die spektakuläre Kampagne „Nestlé tötet Babies“ durch, die zu einer Klage und 1976 zu einem faktischen Freispruch führte. Die ADW, die RML und SP-Linke engagierten sich 1973 und 1974 gemeinsam im Chile-Komitee. 1975 kam es zur Gründung der FBB Zug. Sie trug dazu bei, dass der anfänglich kleine Frauenanteil in der Neuen Zuger Linken grösser wurde.