Pflaster statt OP
An den von der untergehenden Sonne goldrötlich getauchten Hängen des Zugerbergs liegt ein kleiner Hof, dahinter ein farbenstrahlender Garten, die Bohnenstöcke «graglät» voll, die Tomaten so gross, dass sie fast platzen. Daran erinnere ich mich gut. Damals war ich sechs, jetzt bin ich fast 17. Heute sitze ich auf der Holztreppe zur Veranda und schaue in denselben Garten hinunter. Wo einst die Bohnenstöcke waren, ragt nur noch ein dürrer Stamm. Beim Abendessen reden wir über die braun verbrannten Wiesen, über die Mäuse, die zum ersten Mal die Zucchini von oben her anknabbern, und darüber, dass der Wildstaudengarten, der sonst so fröhlich summte, zwitscherte und quakte, dieses Jahr still blieb. Und was, wenn dieser Hitzesommer nur ein kleiner Einblick in die Zukunft ist? Wie wird es, wenn sich die Extreme in den nächsten Jahren verschlimmern?
Bis ich 21 bin
Dieses Zeitfenster schliesst sich, wenn ich die Berufsmatura mache. Die Erde ist rund 1,4 Grad wärmer als vor der Industrialisierung. Für eine Fifty-fifty-Chance auf das 1,5-Grad-Ziel bleiben noch 170 Milliarden Tonnen CO2. Beim heutigen Tempo ist dieses Budget vor 2030 aufgebraucht (Global Carbon Budget 2025). Nicht 2050. Vor 2030. Die Schweizer Gletscher haben seit dem Jahr 2000 rund 38 Prozent ihres Volumens verloren (GLAMOS). Im Sommer 2025 starben in europäischen Städten rund 16500 Menschen an der Hitze, die es ohne den Klimawandel nicht gegeben hätte, 85 Prozent davon über 65 Jahre alt (Imperial College London/LSHTM). So viele Menschen, wie in der halben Stadt Zug leben. In einem einzigen Sommer. Und unser See? Der Zugersee wälzt sich im Winter längst nicht mehr vollständig um, sein Tiefenwasser ist dauerhaft sauerstoffarm. Der Kanton plant, ihn künstlich zu beatmen. Ein See an der Sauerstoffflasche. Das ist der Stand, an dem ich 17 werde.
Bis ich 31 bin
In meinen Zwanzigern fällt die Grenze, über die dreissig Jahre lang verhandelt wurde. Der IPCC nennt für die dauerhafte Überschreitung der 1,5 Grad die frühen 2030er-Jahre. Danach ist das Ziel, auf das sich die Welt 2015 in Paris geeinigt hatte, Geschichte. Im selben Jahrzehnt verliert die Arktis ihr Sommereis. Der erste eisfreie September kommt laut «Nature Communications» (2023) unabhängig davon, wie viel wir bis dahin noch einsparen. Zum ersten Mal, seit es Menschen gibt, wird der Nordpol im Sommer offenes Wasser sein. Das lässt sich nicht mehr verhindern. Von niemandem. Bei uns erreicht der Gletscherschwund zwischen 2033 und 2041 seinen Höhepunkt (ETH Zürich). Danach geht er zurück, aber nur, weil dann zu wenig Eis übrig ist, um noch viel zu verlieren. Und der Permafrost, der die Bergflanken zusammenhält, taut weiter. Am 28. Mai 2025 stürzten in Blatten neun Millionen Tonnen Fels und Eis mit 200 Stundenkilometern ins Tal. In vierzig Sekunden war das Dorf weg. Blatten war kein Unfall. Blatten war ein Teaser.
Bis ich 41 bin
Von den rund 1300 Schweizer Gletschern sind 600 verschwunden. Nicht im schlimmsten Szenario. Im günstigsten realistischen (GLAMOS). Die weltweiten Erträge der Grundnahrungsmittel sinken um acht Prozent, und zwar «unabhängig davon, ob die Emissionen steigen oder fallen» («Nature» 2025). Pro zusätzlichem Grad verliert die Menschheit 120 Kilokalorien pro Person und Tag. Das ist nicht nur eine Statistik, das ist eine Mahlzeit, die auf einem Tisch fehlt. Dazu kommt: Bis zu 216 Millionen Menschen müssen bis dahin im eigenen Land umziehen, weil ihre Heimat sie nicht mehr ernährt (Weltbank). Und der Hof am Zugerberg? Es wird trockener sein als jeder Sommer, den meine Grossmutter je erlebt hat.
Bis ich 56 bin
Bei zwei Grad mehr sind über 99 Prozent der Korallenriffe weg (IPCC). Ein Ökosystem, das es seit Millionen von Jahren gibt, verschwindet in meiner Lebenszeit. Daran hängt ein Viertel des gesamten Meereslebens und fast eine Milliarde Menschen. Und hier? 18 Prozent aller Insektenarten verlieren mehr als die Hälfte ihres Lebensraums.
Bis ich 76 bin
Auf dem Kurs, den die Weltpolitik heute tatsächlich fährt, landen wir bis 2100 bei rund 2,8 Grad (UNO-Umweltprogramm 2025). Bei 2,7 Grad leben zwei Milliarden Menschen ausserhalb dessen, was Forschende die menschliche Klimanische nennen: dort, wo es im Jahresmittel zu heiss ist, um dauerhaft zu leben («Nature Sustainability» 2023). In 854 europäischen Städten summieren sich bis 2099 über zwei Millionen zusätzliche Hitzetote («Nature Medicine» 2025). Bei uns wird der heisseste Tag des Jahres 4,4 Grad heisser als heute, Zürich bekommt fünfmal mehr Tropennächte (MeteoSchweiz, Klima CH2025). Von 1400 Schweizer Gletschern sind auch im besten Fall 1100 bis 1200 weg. Die Alpen, wie meine Grosseltern sie kannten, existieren dann nicht mehr, und dies nicht in einem Katastrophenfilm, sondern in den Berechnungen der ETH.
Profitieren von der Krise
Jetzt kommt der Teil, bei dem sich im nächsten Atemzug wieder Politiker*innen auf die Schulter klopfen: «Uns ist Klimaschutz unheimlich wichtig, aber Handels- und Drehpunkt für Fossile sein, wollen wir immer noch liebend gerne.» Und genau das ist ein unverständlicher Widerspruch unserer Ökonomie. Denn wo sitzt das Kapital, das an fossilen Rohstoffen verdient? Richtig: in Baar, Zug und Umgebung, einem der grösstenRohstoffhandelsplätze der Welt. Es ist derselbe Kanton, dessen Fauna und Flora verschwinden, dessen See beatmet werden muss und dessen ältere Menschen im Sommer an Hitze sterben. Das ist kein Zufall und kein Betriebsunfall. Das ist ein System, in dem der Produktionsgegenstand keine Rolle spielt, solange sich das Investment lohnt. Und die Politik? Am 9. April 2024 hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Fall der KlimaSeniorinnen entschieden: Die Schweiz verletzt die Menschenrechte und muss ein CO2-Budget festlegen, das mit 1,5 Grad vereinbar ist. Der Bundesrat sieht die Sache im Wesentlichen als erledigt an. Die KlimaSeniorinnen haben im Februar 2026 ihre vierte Eingabe beim Europarat eingereicht, die Schweizerische Menschenrechtsinstitution nennt die Massnahmen «ungenügend und zu vage». Frauen im Alter meiner Grossmutter gewinnen ein historisches Urteil gegen die Hitze, die Frauen in ihrem Alter tötet, und dann … legt man es in eine Schublade. Hitzeprävention ist richtig und wichtig. Aber Prävention allein ist eine Verweigerung der Realität. Es ist ein Krebsgeschwür, das sich bis an die Hautoberfläche gebohrt hat und das man mit einem grossen Pflaster zu verstecken versucht, statt eine Behandlung zu versuchen.
Retten, was zu retten ist
Und trotzdem, und das ist keine Vertröstung, sondern eine Rechnung: Pro 0,1 Grad weniger Erwärmung leben rund 140 Millionen Menschen weniger in gefährlicher Hitze. Bis zu 70 Prozent der prognostizierten europäischen Hitzetoten sind durch schnelles Handeln vermeidbar. Und bei einer Stabilisierung zwischen 1,5 und 2 Grad liesse sich rund ein Viertel des Schweizer Eises retten. Jedes Zehntelgrad ist ein Menschenleben, ja mehrere Millionen davon. Jetzt ist es 2085 und ich bin 76. Werde ich noch auf dieser Verandatreppe sitzen dürfen? Mit Grosskindern? Oder hat man sich entschieden, keine Kinder in eine untergehende Welt zu setzen? Das entscheidet sich nicht erst 2085. Das entscheidet sich jetzt, und es ist unser aller Entscheid.