Ein bunter Haufen
Redaktion: Luzian, du wirst bald Generalsekretär der GRÜNEN Schweiz. Wir gratulieren dir dazu. Hat deine Herkunft eine Rolle gespielt?
L.F: Diese Wahl ist keine Wahl nach geografischen Standpunkten. Dass ich ein Zuger bin, hat keine Rolle gespielt. Gleichzeitig ist es aber schon so, dass die Zuger GRÜNEN, also die ALG – was in diesem Zusammenhang ein wichtiger Unterschied ist – einzigartig in der Parteienlandschaft sind. Wir sind nach Wähler:innenanteil die stärkste grüne Partei der Schweiz, das haben die nationalen Wahlen im Jahr 2023 wieder gezeigt. Und das in einem sehr konservativen Kanton. Man weiss von uns, dass wir in Zug eine Themenbreite haben, die in anderen Kantonen so nicht vorhanden ist. Wir haben uns nie auf ein paar wenige Themen oder «nur» auf Ökologie beschränkt. Sondern wir hatten immer den Anspruch, gesamtgesellschaftliche Probleme in allen Bereichen anzupacken.
Redaktion: Ist deine Wahl zum Generalsekretär ein Nachteil oder ein Vorteil für die Zuger ALG?
L.F: Ich werde versuchen, die Arbeit in gewissen Gremien auf mehr Schultern zu verteilen bzw. meine Mitarbeit zu reduzieren. Ferner wird wohl für den Kantonsrat der eine oder andere Vorstoss weniger geschrieben und in der einen oder anderen ad-hoc-Kommission werde ich anderen den Vortritt lassen. Bei der Parteileitung der ALG ist personelle Kontinuität gefragt, ich nehme meine Verpflichtungen dort weiterhin wahr.
Ich gehe sogar davon aus, dass diese Kombination einen Synergieeffekt haben wird. In meiner jetzigen Stelle führe ich den Verband der Schweizer Studierenden und daneben leiste ich die politische Arbeit wie Kantonsrat, Parteipräsident der GRÜNEN Zug etc. Neu führe ich als Generalsekretär das Sekretariat der GRÜNEN Schweiz und leiste die politische Arbeit nebenher – wie bisher. Nur ist meine berufliche Stelle einfach auch noch bei den GRÜNEN.
Redaktion: Was motiviert dich, diese Arbeit zu übernehmen?
L.F: Wir befinden uns in einer schwierigen Weltlage. Ich habe das Gefühl, wir befinden uns an einem Scheideweg als Schweiz, aber auch als grüne Bewegung. Und in welche Richtung entwickelt sich die Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit, der Klimaschutz etc.? Schaffen wir es überhaupt, internationale Verpflichtungen wie das Klimaabkommen in Paris einzuhalten und auf den Absenkpfad zu kommen oder nicht?
Ich kann mir nichts Sinnvolleres vorstellen, als auch meine berufliche Energie dafür einzusetzen, dass wir eine starke grüne Bewegung in der ganzen Schweiz haben. Dass wir mehr Mitglieder gewinnen, in den Gemeinden und Kantonen stärker werden, um auch bei den eidgenössischen Wahlen wieder stärker zu werden. Die Sinnhaftigkeit dieses Jobs ist riesig und es ist ein Privileg, für die GRÜNEN zu arbeiten. Ich freue mich extrem, es wird eine vielseitige Aufgabe sein.
Redaktion: Welche Aufgabengebiete hast du?
L.F: Ich werde das Generalsekretariat der GRÜNEN Schweiz leiten, das zwanzig Personen umfasst. Dort werden die Kampagnen und Initiativprojekte sowie die Medienarbeit umgesetzt. Zudem müssen beispielsweise die Beschlüsse der Geschäftsleitung, des Vorstandes und der Delegiertenversammlung umgesetzt und vertreten, die Delegiertenversammlung organisiert werden. Es gibt auch inhaltliche und organisatorische Aufgaben für die grüne Bundeshausfraktion, dadurch wird das Parteisekretariat auch zu einem Teil Fraktionssekretariat. Ferner gibt es Dienstleistungen, die wir für die Kantonalparteien erbringen. Dann gibt es Querschnittsfunktionen, wie das Koordinieren der Gremien, Organisieren der Parteifinanzen, IT etc. Viele der Webseiten, die die Kantone haben, und auch die Politiker:innen der GRÜNEN werden über das nationale Büro der GRÜNEN Schweiz gehostet.
All das zusammen zu bringen, ist eine sehr spannende Drehscheibenfunktion, die viel zu tun gibt und nicht immer einfach sein wird. Es wird spannend.
Redaktion: Von welchen deiner Qualitäten profitiert die GRÜNEN Schweiz am meisten?
L.F: Ich glaube, es hat andere überzeugt, dass ich praktisch jede Ecke der grünen Partei kenne. Ich habe angefangen als Parteimitglied in einer örtlichen Sektion, war bei den Jungen GRÜNEN und deren Vertretung in der nationalen Geschäftsleitung, bin im Kantonsrat Zug und habe schon diverse Wahl- und Abstimmungskämpfe auf nationaler und kantonaler Ebene geleitet. Ich weiss, was es bedeutet, am Samstagmorgen einen Marktstand aufzubauen oder Wahlkampf zu machen und Flyer zu verteilen. Ich kenne also die Arbeit an der Basis und gleichzeitig kenne ich auch die strategische Mitarbeit. Ich bin überzeugt, es braucht beides. Nur superstrategisch zu denken, reicht nicht. Bestimmt war auch meine bisherige Berufserfahrung in Verbänden und im Führen eines Teams hilfreich. Da ich in Genf studiert habe, kenne ich auch die Romandie. Ich glaube, dass ich fast alle Kompetenzen, die ich mir angeeignet habe, in dieser neuen Funktion vereinen kann.
Redaktion: Was werden die Schwerpunkte deiner Arbeit sein?
L.F: Rein formell ist es so, dass der Generalsekretär Beschlüsse umsetzt. Er ist der oberste Angestellte der GRÜNEN, und die Beschlüsse fällt – als oberstes Gremium – die Delegiertenversammlung der GRÜNEN. Sie fällt z.B. strategische Entscheide, fasst Parolen und beschliesst Initiativeprojekte. Der Vorstand ist ein weiteres strategisches Organ mit Vertretungen aus den Kantonen und Fraktionen und muss Visionen und Ideen mitbringen. Die Geschäftsleitung ist schlussendlich die strategische Führung und Impulsgeberin. Aber es ist natürlich so, dass das Sekretariat die Grundlagen für diese Entscheide erarbeitet. Bei der Umsetzung hat man einen Spielraum, und man ist auch ein strategischer Sparring-Partner in allen Gremien. Ich werde meine Meinungen und Visionen als beratende Stimme beispielsweise in der Geschäftsleitung der GRÜNEN einbringen können.
In etwas mehr als 900 Tagen werden die eidgenössischen Wahlen sein, jetzt geht es darum, die richtigen Leute zu rekrutieren, die dann die Wahlkampagne durchführen werden. Ich möchte unsere Mobilisierungsfähigkeit stärken: Wie schaffen wir es mit unseren Kampagnen, unseren Initiativprojekten sichtbar zu sein? Wie erfährt die Bevölkerung davon und wie lässt sich das Fundraising intensivieren, damit alle Aktivitäten finanziert werden können? Und wie schaffen wir es, dass wir mit allen unseren Themen in Printmedien wie auch in den sozialen Medien vorkommen? Es geht also darum, die organisatorischen und strategischen Grundlagen zu schaffen, um die nächsten Wahlen zu gewinnen.
In vielen Gremien sind die Leute für eine begrenzte Amtszeit gewählt und als Generalsekretär beschäftigt es mich, wie Kontinuität gewahrt werden kann und auch längerfristige Strategien umgesetzt werden können.
Redaktion: Welche bevorstehenden Themen interessieren dich besonders?
L.F: Inhaltlich interessiert mich natürlich die Frage, wie wir die Lebensgrundlagen und die Lebensqualität in der Schweiz bewahren und eine solidarische Gesellschaft schaffen können, in welcher sich alle entfalten können. Organisatorisch interessiert mich die Frage, wie wir einen Wahlsieg bei den nächsten Wahlen schaffen können. Wenn ich mir die Nachwahlbefragung aus dem Jahr 2023 anschaue, dann sieht man, dass uns die Bevölkerung hauptsächlich Kompetenzen in ökologischen Fragen zuspricht. Bei den sozialen Themen, die uns als Grüne aber auch wichtig sind, wählt man nur selten die GRÜNEN. Es ist zwar von Kanton zu Kanton etwas unterschiedlich, aber daraus kann man sich die Frage stellen: Wie schaffen wir es, bei unserem Kernthema Ökologie stark zu bleiben und dennoch die weiteren Felder zu erschliessen? Nehmen wir das Thema Gleichstellung, welches ebenfalls ein Kernthema der GRÜNEN ist, seit es sie gibt, und dies auch verkörpern. Unsere Partei wird und wurde immer stark von Frauen geprägt. Und dennoch haben wir auch im Jahre 2025 beim Thema Gleichstellung noch Nachholbedarf. Weiter interessieren mich Fragen um die Grundrechte und die Demokratie, die z.B. hochkonzentriert mit der sogenannten Nachhaltigkeits-Initiative auf uns zukommen werden. Wie wollen wir uns als Schweiz auf der internationalen Ebene zeigen und vernetzen?
Redaktion: Was wünschst du dir als Generalsekretär?
L.F: Ganz viele begeisterte Menschen, auf dem Land und in den Städten, die Lust haben, sich bei den GRÜNEN zu engagieren. Die bereit sind, sich in ihrer Freizeit zu engagieren.
Ich wünsche mir, dass wir auch Menschen abholen, die keine Lust auf Parteiarbeit haben, aber grosse Bereitschaft mitbringen, sich für ein Thema zu engagieren, das uns als Partei auch wichtig ist. Wir sind eine individualisierte Gesellschaft und die Parteien werden gerade von jüngeren Menschen hinterfragt. Vielleicht kommen ihnen die Parteien auch als altbacken vor. Man hat zwar vielleicht Lust, sich für ein Thema zu engagieren, aber keine Lust auf Parteienstrukturen. Es könnte eine Aufgabe der Parteien sein, sich zu überlegen, wie man Menschen auch für punktuelle Aufgaben gewinnen kann, so dass auch unterschiedliche Formen von Engagement in einer Partei möglich sind.
Ferner möchte ich gerne Menschen, die sich politisch engagiert haben, dann den Kanton wechseln und so den Draht zur kantonalen Partei verlieren, langfristig einbinden. Viele Parteien sind lokal verankert und dann ist es vielleicht schwierig, das Engagement in einen anderen Kanton mitzunehmen.
Die Vereinbarkeit von Familie und Politik ist mir ein grosses Anliegen. Viele Menschen haben Zeit, wenn sie noch keine Kinder und Familie haben, und dann wieder, wenn die Kinder gross sind. Dazwischen gibt es eine Zeit, in der viele Familien keine Zeit haben, und auch diese sollten wir weiterhin ansprechen können. In den 80er-Jahren waren die GRÜNEN gerade das: Sie hatten neue Strukturen und waren oft anders als die SP und weniger formell unterwegs. Nun sind die GRÜNEN eine etablierte Partei. Also müssen wir neue Gefässe finden, um die Menschen anzusprechen.
Redaktion: Wo müssen die GRÜNEN besser werden?
L.F: Ressourcentechnisch sind wir im Vergleich zu anderen Parteien sehr schwach aufgestellt. Beispielsweise hat die SP das Dreifache an Personal in ihrem nationalen Parteisekretariat, aber die Aufgabenlast ist genau gleich gross. Trotz konstanter Knappheit der Ressourcen die richtigen Entscheide zu treffen, ist eine Herausforderung.
Dann müssen wir bei Kampagnen besser sichtbar werden. Wir haben das Problem, dass wir die GRÜNEN-Kampagnen zu wenig und selten zu einem schweizweiten Gesprächsthema werden lassen. Wenn wir eine Initiative lancieren oder einen Lösungsansatz für eine aktuelle Problematik veröffentlichen, sollte das dann auch ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung mitbekommen.
Wir haben in der Partei verschiedene Realitäten und Prägungen. Diese breite Prägung finde ich an den Schweizer GRÜNEN so spannend und ich denke, wir haben eine gute Diskussionskultur. Ich finde spannende Debatten gut und unterschiedliche Meinungen innerhalb der Partei auch. Auch der Ursprung der GRÜNEN war von Debatten geprägt. Denn vielerorts waren die GRÜNEN – gerade auch in Zug – ein bunter Haufen von Gruppierungen: Die einen kamen von der revolutionär-marxistischen Liga, die andern über die bunte Liste oder über Frauenorganisationen. Diese ganze Diversität hat sich unter einem gemeinsamen Dach zusammengefunden: der Alternative – die Grünen. Das ging nicht ohne Debatten.
Redaktion: Luzian, wir wünschen dir viel Glück in deiner neuen Funktion. Danke für das Interview.