Wir wollen uns lebend!
Feminismus ist ein Kampf um Leben und Tod. In diesem Jahr wurden in der Schweiz laut dem Rechercheprojekt
«Stop Femizid» bereits zwölf Frauen aufgrund ihres Geschlechts getötet. Im Jahr 2025 waren es 24. Offizielle Statistiken führt der Bund nicht, obwohl er seit der Unterzeichnung der Istanbul Konvention 2017 dazu verpflichtet wäre. Auch der Regierungsrat schrieb in einer Antwort zu einer ALG Interpellation, dass er die Femizide im Kanton Zug nicht erheben möchte. Dabei würde eine offizielle Statistik bedeuten, dass
wir hinschauen und anerkennen, dass Femizide keine Einzelfälle oder «Beziehungsdramen» sind, sondern Ausdruck struktureller patriarchaler Gewalt.
Frauenhäuser
Schutzunterkünfte sind keine Selbstverständlichkeit. Wir haben es dem Kampf der autonomen Feministinnen
in den 1970erJahren zu verdanken, dass es heute in der Schweiz 18 Frauenhäuser gibt, eines davon im
Kanton Zug. Auch fünfzig Jahre später bleiben diese Institutionen dringend notwendig, Die Frauenhäuser stossen
regelmässig an ihre Kapazitätsgrenzen. In der Zentralschweiz fehlt insbesondere ein Mädchenhaus, welches
zielgruppengerechte Strukturen für gewaltbetroffene Minderjährige und junge Frauen anbietet. Das einzige
Mädchenhaus in der Schweiz liegt im Kanton Zürich und ist überlastet. In einem noch hängigen Postulat fordere ich deshalb den finanzstarken Kanton Zug auf, gemeinsam mit Nachbarkantonen ein solches Angebot aufzubauen.
Forensic Nurses
Gemeinsam mit Personen aus verschiedenen Fraktionen engagierten wir uns in den letzten Monaten zudem für den Einsatz von Forensic Nurses nach dem Zürcher Vorbild. Forensic Nurses sind speziell ausgebildete Fachkräfte, die Betroffene von Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder häuslicher Gewalt beraten und auf Wunsch Spuren der Tat dokumentieren. Die Beweismittel – wie Abstriche und Fotos von blauen Flecken – werden 15 Jahre lang aufbewahrt. So können sich Betroffene auch nach dem traumatischen Schock einer Gewalttat noch für eine Strafanzeige entscheiden. Heute melden sich acht von zehn Frauen in der Schweiz nicht
bei der Polizei, nachdem sie vergewaltigt wurden oder eine andere Form sexualisierter Gewalt erfahren haben.
Dass ist wenig erstaunlich, denn heute sehen nur vier von 100 Frauen, die in der Schweiz eine Anzeige erstatten,
ihren Vergewaltiger verurteilt. Es ist zu hoffen, dass die Forensic Nurses, deren Einsatz der Regierungsrat in Aussicht gestellt hat, hier eine Verbesserung bringen.
Fehlende Gleichstellung als Nährboden der Gewalt
Um Gewalt zu verhindern, müssen wir verstehen, wo sie beginnt. Femizide sind die extremste Form der Gewalt
gegen Frauen. Die Gewaltpyramide zeigt auf, dass fehlende Gleichstellung der Nährboden für geschlechtsspezifische Gewalt ist. Sie macht deutlich, dass unser Einsatz für Schutzunterkünfte und Forensic
Nurses mit dem Kampf für Gleichstellung auf allen Ebenen einhergehen muss. Der Kanton Zug ist einer der
wenigen Kantone, die kein Gleichstellungsbüro haben. Eine zuständige Stelle wäre dringend notwendig, um Prävention in Schulen und im öffentlichen Raum sowie Gleichstellung in Wirtschaft, Politik und CareArbeit zu erreichen. Dagegen sträubt sich jedoch der mehrheitlich bürgerliche und zu dreiviertel männliche Zuger
Kantonsrat.